Mal wieder Facebook. Ihr kennt das – Ein einfaches Posting schlägt Wellen und kann durch den durchgängigen Whataboutism komplett aus dem Ruder laufen – Um mal bei den Meeres-Metaphern zu bleiben.

Gerade das Thema „Behinderung“ ist solch ein Streitthema. Dazu möchte ich euch gerne zuerst 5 Regeln zeigen, die ihr beherzigen solltet, wenn ihr das Bedürfnis habt, euch an einer Diskussion zu diesem Thema zu beteiligen. Ihr könnt es auch gern auf andere Intersektionen übertragen:

  1. Lasst von der Thematik betroffene Menschen für sich sprechen, sprecht niemals ohne sie über sie.
  2. Ihr seid nicht von der Thematik betroffen? Macht euch eure Position klar. Auch, wenn ihr in eurer Arbeit oder durch Angehörige mit dem Thema zutun habt, ist euer Erleben ein Anderes, als das von denen, die mit dem Thema leben. Nutzt eure Position, um zu lernen.
  3. Hört zu!
  4. Reflektiert euch und eure Denkweise. Auch wenn eure Äußerungen kritisiert werden, ist das nicht böse gemeint – bezieht das nicht auf euch persönlich, sondern nutzt es als Anregung, um euch mit euren Denkweisen zu beschäftigen.
  5. Wenn ihr etwas nicht versteht – Fragt nach. Setzt nichts voraus und interpretiert bitte nicht frei. Einmal mehr nachfragen ist immer besser, dient einer klaren Kommunikation und verhindert Missverständnisse.

Ein Beitrag, den ich heute gefunden habe, muss dafür mal als exemplarisches Beispiel herhalten.

Ursprünglich ging es um einen Ausschnitt einer Kinderzeitung, in der ein Grundschulkind einen Artikel darüber schrieb, dass es seinen Schwerbehindertenausweis lieber in „schwer-in-Ordnung-Ausweis“ umbenennen würde. Es hatte auf seine kindliche Art und Weise erzählt, dass andere Menschen auf den neuen Ausweis viel positiver reagieren würden.

Es wurde und wird fleißig kommentiert – Allerdings nicht zielführend.

Mir persönlich läuft ein kalter Schauer über den Rücken, wenn ich sowas lese, obwohl ich mit den schreibenden Personen nichts zutun habe. Diese Kommentare spiegeln wieder, wie sich einige fremde Menschen mir im Alltag gegenüber verhalten: Von unsicher bis sich selbst profilierend und mich in eine Rolle drängend, indem sie mir ihre eigenen Paradigmen zuschreiben.

Es ging mal wieder von „Ich arbeite mit diesen Menschen (sic!) und die denken ja alle auf eine so unschuldige Weise“,  „Die Kinder sehen sich nicht als behindert, sie sind einfach nur besonders“ (Hilfe…), „So’n Schicksal ist ja nicht so toll“ (…), das berühmt-berüchtigte „Behinderte gehören in die Mitte der Gesellschaft!“ bis hin zu Begrifflichkeiten-Diskussionen. Soweit nichts Neues, eher der ätzende Standard.

Ich finde diese Begrifflichkeitsdebatte überflüssig.

Ganz wichtig: Selbstbezeichnungen sind zu achten! Grundsätzlich! Da gibt es nichts reinzureden oder sogar zu diskutieren!

Das Verteufeln des Begriffs „behindert“, der übrigens auf viele verschiedene Arten verstanden wird, macht die sozialen Paradigmen nur noch schlimmer. Das Behindertsein und Behindertwerden ist eine Eigenschaft. Um andere Eigenschaften wird idR. auch nie solch ein Theater gemacht. Wer besteht denn auf „Mensch mit blauen Augen“ oder „Mensch mit großer Nase“? Ich habe das Gefühl, dass solche Debatten nur viel mehr in eine Sonderrolle drängen. Genauso wie der inzwischen ziemlich ausgelatschte Begriff „Inklusion“, der oft komplett aus dem Kontext gerissen wird und meiner Beobachtung nach alles andere, als Emanzipation bedeutet.

Die weiteren Kommentare beinhalten die oben genannten Fremdzuschreibungen.

Was macht es so schwer, sich selbst und seine verinnerlichten Stereotype zu hinterfragen? Kennt man eine_n, kennt man alle? Besser ist es, behinderten Menschen selbst zuzuhören, anstatt als selbsternannte Stellvertreter_innen über Personen mit diesem Merkmal zu schreiben. Twitter oder Blogs sind beispielsweise gute Medien dafür.

Es gibt allerdings gute Bereiche, in denen es wichtig ist, sich zu engagieren und das Wort zu ergreifen, auch wenn es eine_n nicht direkt betrifft: Kritisiert die Zustände hierzulande. Warum sind keine sichtbar behinderten Leute ohne Fokussierung auf die Behinderung im Fernsehen zu sehen? Warum findet man nur selten behinderte Darsteller_innen in Filmen und Serien? Wieso steht in diesen Zusammenhängen so oft ein „Nichtbehindertmachen“ der jeweiligen Person im Fokus der Rolle? Wieso sind behinderte Akadmiker_innen trotz Bestnoten oft arbeitslos? Wo waren alle, als das menschlich und auch der UN-BRK unwürdige BTHG beschlossen wurde? Und dies ist nur ein Bruchteil der Missstände, in denen wir leben. Es lässt sich schnell erkennen, dass es viele Schwierigkeiten in dieser Gesellschaft gibt – Darunter natürlich auch die diskriminierende Selbstprofilierung durch sinnloses Hochloben und Zuschreibungen-machen, die im Alltag behindern.

Gerade unter diesen ganzen Gesichtspunkten bewerte ich die Kommentare und dieses ewige „Behinderte gehören in die Mitte der Gesellschaft“-Gerede als mehr als scheinheilig.

2 thoughts on “Viel Meinung – Nichts dahinter.

    1. Unknown Unknown Unknown Unknown

      Neeeeeeeeeeeeiiiiiiiiiin! Ich hab Ferien und will eigentlich meine Nerven schonen!

Kommentar verfassen