Auf Twitter und Facebook wird ja bereits heftig diskutiert. Da kann ich ebenfalls die Finger nicht still halten und gebe auch gerne meine Meinung dazu. Sie weicht vielleicht von dem Gros der Meinungen ab. Ich denke, dass das nicht nur an meiner eigenen chronischen Erkrankung , sondern auch daran liegt, dass ich bekanntlich selbst ein Teil der sogenannten „Generation Z“ bin und einen direkten Bezug zu Fluchereien im Alltag unter Gleichaltrigen habe.

Ursprung der Debatte war eine neue Sendung des Fernsehsenders „Pro 7“, in welcher „Gäste“ den Comedian Oliver Polak unterhalten sollen. Wer ihn langweilt oder in irgendeiner anderen Art und Weise nicht gefällt, wird nach einem Druck auf einen Buzzer einfach herausgeworfen . In dieser Folge wurden diejenigen, die gehen mussten, als „Spast“ betitelt. Das besagte auch der Twitter-Hashtag „gastoderspast“, den Pro7 für diese Folge verwendete. Oliver Polaks Twitter-Account hatte bis vor Kurzem ebenfalls den Namen „GastOderSpast“. Dies löste auf Twitter einen regelrechten Shitstorm aus, der allerdings durch den Sender erst recht gefördert wurde, da sich weder das Socialmedia-Team des Senders, noch der „Comedian“ selber offen für die Kritik zeigten. Stattdessen tweeteten der Sender und Comedian weitere Provokationen und blockierten Twitteruser. Einige Twitteruser verwendeten in ihren Kritiken Begriffe wie „behindertenfeindlich“. Weshalb das meiner Meinung nach nicht zutrifft, habe ich bereits auf Facebook gepostet und wiederhole auch hier gerne mein Statement:

Als erstes muss ich fernab des eigentlichen Themas erwähnen, dass ich Anfang des Jahres eine Sendung namens „Das Lachen der Anderen“ mit Micky Beisenherz und Oliver Polak gesehen habe und das Format richtig gut fand. In diesem Teil ging es um Menschen mit MS, die die Comedians in verschiedenen Situationen und an verschiedenen orten besucht haben. Dazu haben sie selbst versucht, in Rollstühlen zu fahren. Insbesondere den Teil, in dem sich Micky mit einem Rollstuhl erstmal ordentlich flachgelegt hat, fand ich ziemlich genial. Fahranfänger halt! 😉 – Alles in Einem ein tolles Format, das vielleicht auch zur Lockerung von diesem ätzenden Opfer-Paradigma gegenüber behinderten menschen beitragen konnte.

Allerdings besteht der Unterschied zu der damaligen Sendung darin, dass in „Das Lachen der Anderen“ MIT Menschen mit körperlichen Einschränkungen gelacht und Witze über die Erkrankung MS gemacht wurden. Es kann nicht als nicht herablassend aufgefasst werden, wie der Hashtag und das Verhalten der „Comedians“ in der Sendung „Applaus und raus“. Und da liegt das Problem.

Die Verwendung von „Spast“ kann in dem Kontext so aufgefasst werden, dass derjenige, der verliert, als „Spast“ bezeichnet wird und somit Menschen mit Spastiken als Sinnbild für Verlierer verwendet wurden.

Meiner Meinung nach wurde das Wort „Spast“ einfach unreflektiert benutzt. Wie auch von anderen Jugendlichen.

Ein Fan davon in solchen Kontexten bin ich selbst nicht. Ich nutze es aber selber, allerdings unter behinderten Freunden als Insidergag in bestimmten Kontexten, von denen zwei Leute mit einer Spastik leben. Das hat dann allerdings eben auch einen Hintergrund und geschieht auf eine ganz andere Art.

Andere Jugendliche und junge Erwachsene denken sich allerdings nichts dabei und erst recht nicht an Leute, die als „behindert“ gelten. Die Begriffe finden sich vielmehr im normalen Sprachgebrauch Jugendlicher und junger Erwachsenen wieder und werden in einem ganz anderen Kontext ohne den Hintergedanken, von einer Behinderung oder Spastik betroffene Menschen zu beleidigen, verwendet. Oder auch bewusst provokant, um sich sprachlich abzugrenzen.

Jedoch hat diese Sichtweise, dass es Spastiker oder menschen mit einer Behinderung abwertet, meiner Beobachtung nach in einigen Fällen auch mit einer eigenen Einstellung zu seiner körperlichen Einschränkung zutun, denn anders als die Worte ausdrücken, ist man kein „Spast“ (was bedeuten würde, dass man quasi die personifizierte Spastik wäre oder die Behinderung der vorherrschende Part des gesamten Menschen sei), sondern die Spastik/Behinderung eins der vielen Puzzleteile, die eine Person zusammensetzen. Somit wäre der Inhalt des Wortes sowieso nur eine Fantasiegestalt, die in der Realität nirgendwo zu finden ist.
Die Aktion des Senders und vor allem auch deren dämliche Reaktion auf die Kritik ist einfach nur kindisch und für sensible Menschen beleidigend, jedoch finde ich, dass „behindertenfeindlich“ ein viel zu großes und unpassendes Wort für das gedankenlose Verhalten der Verantwortlichen ist.

Übrigens herrscht diese Meinung auch bei vielen anderen, bzw. der Mehrheit der Kommentierenden in einem Rollstuhlfahrerforum vor. Ich spreche somit nicht nur für mich selber. Dort verwenden einige Menschen mit einer körperlichen Behinderung, mich eingeschlossen, die Begriffe selbst, allerdings in meinem Fall eher als Scherz unter anderen behinderten Leuten, anstatt als Alltagsflucherei.

Ich würde auch lieber den Begriff „behindert“ oder „Behinderung“ im „korrekten“ Kontext untersuchen. Dort ist das Wort eigentlich erst tatsächlich (!) vorurteilsbehaftet. Viele Menschen verbinden mit einer Behinderung Dinge, die nicht sehr schmeichelhaft sind. Insbesondere die ältere Generation, die uns für „arm dran“ und nunmal komplett behindert hält. Meist drucksen diese Menschen herum, wenn sie ursprünglich „behindert“ als Zustandsbeschreibung verwenden wollen oder fühlen sich unwohl in der Gegenwart eines behinderten Menschen, weil sie dieses falsche Bild von behinderten Menschrn im Kopf haben. Bei dieser verqueren Denkweise wird keine Person gesehen – die Person wird ausschließlich auf die Eigenschaft reduziert.
Im Alltag bekommt man diese Denkinhalte mit, indem man auf Menschen trifft, die entweder :

  • verschämt beim Vorbeigehen zu Boden oder auffällig bis der Behinderte „vorbei“ ist, stehen bleiben und auf einen bedeutungslosen Gegenstand starren
  • fremde Menschen mit einer Behinderung kontextfrei mitleidsvoll anlächeln
  • krampfhaft und ausschließlich die Menschen, mit denen die Person mit der Behinderung unterwegs ist, ansprechen und die behinderte Person übergehen
  • zwar mit dem behinderten Menschen sprechen, sie dabei aber auf keinen Fall ansehen
  • Kommentare ala „Der arme Behinderte“ loslassen

Diese Einstellung finde ich, obwohl sie von den Menschen vermutlich nicht böse gemeint ist, einfach nur herablassend.

Die Ursachen kann man allerdings, wenn man bedenkt, dass diese Denkweise überwiegend unsere älteste Generation teilt, mit einem Blick in die Geschichte der gesellschaftlichen Entwicklung im Bezug zu behinderten Menschen leicht verstehen. Wo die Menschen im 3. Reich euthanisiert oder durch Wissenschaftler als Versuchsobjekt benutzt wurden, herrschte in den anschließenden Jahrzehnten der „Wohlfahrtsgedanke“ und das Pathologisieren der Menschen (Heim, Ghettobildung, Bevormundung, Isolation, keine Barrierefreiheit, Einführung von Förderschulen, keine vernünftigen Gesetze, die bis jetzt teils katastrophal sind (Stichwort #nichtmeinGesetz, BTHG)) vor. Dies gipfelte 1981 im „Jahr der Behinderten“, in welchem Politiker ursprünglich ihre schlechte Behindertenpolitik positiv im Tenor „Wir haben unsere armen Behindis lieb“ bewerben wollten. Allerdings kam es durch die Initiative einer radikalen Behindertenbewegung  zu einem Eklat („Krüppeltribunal“), in dem von ihnen auf die Missstände in Heimen und Psychiatrien hingewiesen und Barrierefreiheit und ein Recht auf Selbstbestimmung gefordert wurde.

Kurz gesagt: Die Sicht auf Menschen mit Behinderung war damals noch stärker von einer Pathologisierung, dem Vorurteil der Hilflosigkeit, Unselbstständigkeit und einem Fürsorgegedanken geprägt und ist leider bis jetzt noch teilweise präsent.

Zurück zum Thema:

Jugendliche und junge Erwachsene, die über Dinge fluchen und sie „behindert“ nennen, denken allerdings NICHT an behinderte Menschen dabei. Da ich zu der besagten Generation gehöre, ist das Alltag. Ehrlichgesagt: Meine Freunde und Klassenkameraden, die ab und zu mal über „voll behinderte“ Dinge fluchen und mit mir geniale Behindertenwitze reißen, sind gerade die Menschen, mit denen ich völlig unverkrampft und ehrlich über meine Behinderung sprechen kann und welche als erstes zur Stelle sind, wenn ich tatsächlich mal Hilfe benötige. Und sei es, dass sie den halben Tag beim Stadtbummel meinen Kaffeebecher mitschleppen. Das machen sie. Und es stört sie nicht. Und nein, sie finden es nicht schlimm, dass ich mit meinen Erkrankungn und Einschränkungen lebe. Sie sehen sie als das, was sie sind – Einfach einen Teil vom Ganzen. Einen Teil, der Vor und Nachteile bringt und der manchmal wirklich lustige Situationen entstehen lässt. Einen Teil, der oft nahezu eine Steilvorlage für unsere Scherze ist.

Völlig normal, eben.

Ganz im Gegenteil zu den verschämten Herumdrucksern, für die Leute aufgrund ihrer Eigenschaft „Behinderung“ als „arme, unfähige Wesen“ gelten.

Eine Teilschuld an dieser immer noch nicht normalen Sichtweise haben mMn. allerdings auch die Medien, in denen fast nie behinderte Protagonisten auf eine natürliche Art und Weise (sodass die Behinderung ein Teil der Figur ist, aber nichts mit dem Film oder der Funktion der Rolle zutun hat) in Serien mitspielen, behinderte Experten zu anderen Themen in Talkshows zu Wort kommen oder Dokumentationen über Behinderungen ohne den ätzenden Mitleids, Helden und Opfertenor ausgestrahlt werden.

Desweiteren frage ich mich auch, ob dieses Aufbauschen und Shitstormen behinderte Menschen nicht erst recht in diese Sonderrolle presst. Würde es den selben Aufschrei geben, wenn es Junkies, Lehrer, Polizisten, Juristen oder Prostituierte beträfe?

Das Schlusswort überlasse ich gerne dieser genialen Band. „Stop, take some time to think“…  Eigenlich sind die gesamten Lyrics ziemlich gut. Nehmt euch das bitte zu Herzen, liebes Pro7-Team.

2 thoughts on “Meinung zur Ableismusdebatte

  1. Firefox 49.0 Firefox 49.0 Windows 7 Windows 7

    Hey, interessant, deine Sicht zu lesen! Teilweise kann ich deiner Argumentation auch gut folgen. Ich werfe nicht jedem Jugendlichem/jungem Erwachsenem Behindertenfeundlichkeit vor, wenn er behindert im „falschem“ Kontext verwendet. Aber: Pro 7 ist kein Jugendlicher/junger Erwachsener, klar, ist auch nicht ARTE oder 3Sat, dennoch erwarte ich von einem großen Fernsehsender zumindest eine Diskussionsbereitschaft, wenn der Hinweis der sprachlichen Diskriminierung auftaucht. Das war nicht zu erkennen. Und: Sprache wirkt, wirkt im Unterbewusstsein, beeinflusst unser Denken und repräsentiert eine Art allgemeine Haltung der Gesellschaft. Ein Umdenken wird auch an der sprachlichen Formulierung sichtbar, ohne dass e gleich jede Art von Diskriminierung aufhebt. In den 60gern war es noch üblich von „Niggern/Negern“ zu sprechen, heute ist das verpönt. Natürlich werden Afroamerikaner/Afrodeutsche/etc immer noch diskriminiert. Und eventuell ist die Begrifflichkeit „Afro….irgendetwas“ auf falsch. Aber die Diskussion um die Benennung zeigt die Bereitschaft, darüber nachzudenken, zu reflektieren und ansatzweise etwas zu verändern. Daher wünsche ich mir eine Diskussion um das Adjektiv „behindert“. Um zu sensibiliseren.
    Wegen der mangelnden fachlichen Diskussionsbereitschaft von Pro7 gehe ich mit dem Vorwurf der Behindertenfeindlichkeit konform.
    Liebe Grüße

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