Ich behaupte ganz gern, dass ich Superkräfte habe. Nicht solche, die als welche erkennbar sind, aber genau die, die ich brauche, wenn wieder irgendetwas schief läuft. Anders kann ich mir das Ganze nicht erklären.

Die letzten Monate musste ich mal wieder in Vollpension außer Haus verbringen. Das Geniale daran – mein Zimmer war in der Einflugschneise zum Landeplatz. Das Schlechte – mit etwas Pech hätte ich ziemlich leicht ins Gras beissen können.

Ich wurde nach der Portanlage mit einer Katheterinfektion mit einem multiresistenten Keim entlassen. Auch bekannt als Sepsis. Für Gesunde ist dieser Keim nicht schädlich, Immunschwache können allerdings schlimmstenfalls dran sterben. Und in meinem Blutkreislauf hat das Mistding definitiv nichts zu suchen. Alles verursacht durch Nachlässigkeit im Umgang mit den Infusionen, bzw. dem Anschließen in der Klinik, in der der Port gelegt wurde. Also mal wieder etwas, das eigentlich vermeidbar gewesen wäre. Eigentlich bin ich bisher sehr zufrieden mit dem KH gewesen. Es lag an ein paar Pflegekräften, die einfachste Hygieneregeln nicht einhielten. O-Ton – „Beim Port muss man nicht so extrem drauf achten, als beim ZVK.“ (Schonmal erwähnt, dass eine gewisse Schwester auch ohne Händedesinfektion an ZVK’s geht und sogar Infusionssysteme offen rumhängen lässt?) Allerdings bringt es auch nicht viel, sich darüber aufzuregen – damit ist weder mir noch dem Personal geholfen.

Drei Tage nach der Entlassung fing ich an, schwere Fieberschübe mit extremer Schüttelfrost zu entwickeln. Klassisches SIRS, wie aus dem Lehrbuch. Es fing an, indem ich immer stärker fror und gefühlt jeder einzelne Muskel zitterte. Meine Familie war immer kurz davor, einen RTW zu rufen. Aber so sehr ich auch die Sprinter liebe – das Fahrziel meide ich lieber. Außerdem hatte ich die Befürchtung, dass ich, falls ich nichts Schlimmes habe, unnötig lange in der Notaufnahme oder Tage auf der Station verbringen zu müssen. Darauf hatte ich absolut keine Lust.

Der Pfegedienst meinte dazu, dass das Ganze nichts mit dem Port zu tun hätte, weil die Reaktion dann regelmäßig nach dem Spülen und Infusionsanschluss aufträte. Diese Attacken kamen immer nur sporadisch, auch in der wenigen, infusionsfreien Zeit. So glaubten wir das und machten wie gewohnt weiter. So richtig konnten wir es auch nicht differenzieren, weil ich manchmal sehr extrem auf Überanstrengung reagiere. Ich wurde in der Zwischenzeit immer schwächer und merkte nichts davon. Auch nur, weil meine Tagesform sehr variabel ist. An einem Tag habe ich viel Energie, kann spazierenfahren und fühle mich gut dabei oder kann ein wenig meinen Interessen nachgehen (ist allerdings trotzdem eine „Entweder-oder-Situation“) und am nächsten Tag bin ich zu schlapp, einfache Dinge auszuführen. Deswegen wurde ich übrigens auch als Pflegestufe 2 eingestuft. Zuletzt brauchte ich bei jedem kleinsten Handgriff Hilfe, konnte nur liegen. Jede kleine Anstrengung endete in Tachykardie und im Rolli saß ich wie ein wirbelloser Zombie, konnte sogar nur begrenzt selbst fahren. Gefangen im eigenen Körper- Gruselig.

In der Blutkultur beim Hausarzt wurden schließlich die Keime entdeckt und ich kam sofort – nur leider ohne Sprinter…. – ins Krankenhaus. Und durfte da dann erstmal ne ordentliche Weile bleiben. Noch in der Aufnahme gab’s eine Ladung Vancomycin iV.. Das gefiel meinem Immunsystem leider nicht und endete in einer Anaphylaxie. Umgehend wurde es ziemlich hektisch in der Notaufnahme und ich wurde mit ordentlich Fenistil zugedröhnt. Zum Vorglühen gab’s ne Tigerdosis Cortison. Wäre in dem Moment auch noch die periphere Kanüle kaputtgegangen – das hätte was von einem schlechten Slapstick. 😀 Zum Glück reagiert das Ding auch auf ein anderes Antibiotikum, das ich langsam infundiert gut vertrug. Im Nachhinein bin ich froh, dass ich das Zeug nicht vertrage – der Beipackzettel sieht gruselig aus. Auf der Station wurden mir täglich 4 Liter Flüssigkeit zur Kreislaufstabilisierung in die komplett zerstochenen peripheren Venen gejagt. Täglich gingen die kleinen Zugänge kaputt und Infusionen liefen nicht so, wie sie mussten. Das war echt ’ne Jagd. Meine Venen sind nach wie vor verdammte Diven.

Nach zwei Wochen endete die Antibiotikatherapie und ich war mehr oder weniger stabil, sodass ich entlassen werden konnte. Es wurde allerdings noch unter Antibiose eine neue Blutkultur entnommen. Und nach einer Woche zuhause ging’s von vorn los. Der Keim kann Biofilme im Katheter bilden. Unter antibiotischer Therapie wurden die Keime daher nur unterdrückt. Darum wurden mir bei jeder Infusion erneut Keime ins Blut geschleudert. Wieder Zittern, starke Kopfschmerzen, etc. Und wieder Krankenhaus.

Mein Arzt hatte sich noch am selben Tag dafür eingesetzt, dass ich auf der gut belegten Station ein Zimmer bekomme. Andernfalls müsste man mich woanders behandeln, was aber alles andere als optimal wäre. Ich war ihm sehr dankbar dafür. Am nächsten Tag wurde der Port entfernt. Daraufhin gab’s wieder eine lange Antibiotikatherapie. Nachdem es mir dann deutlich besser ging und die Antibiose sehr lange gegeben wurde, entschieden wir uns zum Broviac. Von meiner Mutter liebevoll „Ladekabel“ genannt. 🙂

Das wurde diesmal nicht im OP, sondern im Herzkatheterraum durchgeführt. Ohne Anästhesisten… Aber dafür mit Midazolam iV. Viel Midazolam iV. … …Das nur unzureichend bei mir wirkt. Der Raum war faszinierend – ich finde die Geräte toll und es war genial, dass der gesamte Eingriff unter radiologischer Kontrolle gemacht wurde. Aber trotzdem habe ich (wenn auch angstfrei) alles mitbekommen und fand es sehr unangenehm. Wer lässt sich schon gern bei lebendigem Leibe mit dicken Spießen im Oberkörper rumstochern? Obwohl nur die Lokalanästhesie etwas brannte, war das Gefummel an und in mir extrem unangenehm. Dazu kam noch das grüne Tuch in Kopfnähe. Aber zugleich fand ich es auch interessant. Schwer zu beschreiben. Falls ich einen Neuen brauche, würde ich aber auf eine Vollnarkose bestehen.

Von da an läuft alles super. Ich habe alles folgenlos überstanden. Und EC145-Fotos. 😀 Das war das schönste TakeOff. das ich je gesehen habe.

Dass das so glimpflich ablief, ist in meinem Zustand alles Andere als selbstverständlich.

Der Rest braucht Zeit. Sehr, sehr viel Zeit. Und in dieser will ich keine Blutdruckmanschetten um den Arm tragen, labbrigen Krankenhauskäse auf dem Brötchen haben und in harten Klinikbetten liegen. Ich muss penibel darauf achten, keine weiteren Infektionserkrankungen zu bekommen und hoffe, dass ich vor weiteren Komplikationen verschont bleibe. Dann sollte definitiv nichts mehr schiefgehen. 🙂

17 thoughts on “(Viel!) mehr Glück als Verstand

  1. Unknown Unknown Unknown Unknown

    Hach, ich bin froh, dass du es so weit überstanden hast!
    Und dass dein Esprit den multiresitenten Keimen unbeschadet widerstanden hat!

    Ich hoffe, dein Blogpost landet ausgedruckt in der Personalakte jener schnuddeligen Schwester, die dir das ganze Prozedere überflüssierweise eingebrockt hat. (Schick dem Chefarzt doch mal ’nen Link 😉 )
    Ich wünsche dir von Herzen, dass es mit dem „Ladekabel“ besser klappt als mit dem „Hicki“!
    (Was ist da eigentlich der Vorteil gegenüber dem vorherigen Port?)

    Na, ein Gutes hat das Ganze ja. Wenn du mal arbeitslos sein solltest, kannst du wenigstens starke Drehbücher für Arztserien schreiben! 😉

    Also denn: Roll on! 🙂

  2. Unknown Unknown Unknown Unknown

    Puuuuuuhhhhh, mir fehlen die Worte! Ich freue mich sehr, mal wieder von dir zu hören. Man macht sich dann ja schon seine einzwei Gedanken.

    Ich wünsche dir viel Glück mit dem neuen Ladekabel!!

  3. Unknown Unknown Unknown Unknown

    Puh ne harte Zeit. Wünsche dir noch weiterhin schnelle gute Besserung! Und weiter so viel Kraft und Lebensmut! Respekt!
    Und ist wirklich schön mal wieder von dir zu lesen.

  4. Unknown Unknown Unknown Unknown

    Hallo 🙂 ich muss ehrlich gesagt etwas schmunzeln, auch wenn es so traurig ist.
    Du sagtest immer, wenn hier Kommentare bezüglich deines nicht einfachen Viggolegens gemacht wurden, dass eine Portanlage gerade wegen der Infektionsgefahr ein hohes Risiko für dein ohnehin geschwächtes Immunsystem darstellt.
    Diese Sepsis zeigt wieder, dass du deinen Körper immer noch am Besten kennst!
    Ich wünsche dir gute Besserung und vor allem einen infektionsfreien Broviac.
    Liebe Grüße von der „Sprinter-Front“ 🙂

  5. Unknown Unknown Unknown Unknown

    Hey Pilotin! Wenn ich Deine Texte lese, lege ich mich fest. Du hast mindestens so viel Verstand, wie in diesem Fall eben auch Glück! 😉 …vergiss nicht Dein nächstes Ziel (nach dem Kraft tanken)! Du hast der kleinen Fototour, wenn Du anderen über den Kopf „wuschelst“, den Titel “Alltagsparadoxone in der City” gegeben! Wei immer, wünsche ich Dir alles GUTE!!!

    1. Unknown Unknown Unknown Unknown

      Danke. 😊 Das wäre eine total geniale Idee als Fotoprojekt bzgl. Inklusion (ich hasse das Wort!). Überspitzte gegenteilige Darstellung komischer Dinge, die Behinderten täglich begegnen. Find ich super, sowas gibts noch nicht. Wäre dabei. 😄

  6. Unknown Unknown Unknown Unknown

    Mädchen, Mädchen, ich dachte es mir schon, das du mal wieder ein Problemchen hattest. Halt dich jetzt mal ein paar Monate zurück!
    Grüßle
    max

      1. Unknown Unknown Unknown Unknown

        das soll aber sicherlich nicht heissen, dass Du nicht mehr über Dein Befinden berichen sollst:
        es ist Dein Blog und darin sollst Du alles berichten, was Dich bewegt
        .. aber ich denke, das hat Max auch nicht unterbinden wollen 😀
        Herzliche Grüsse
        Hajo

  7. Unknown Unknown Unknown Unknown

    das mit der Einhaltung einfachster Hygieneregeln (was ist so schwer daran, sich die Hände zu desinfizieren?) scheint in den KHern generell ein Problem zu sein, eigentlich unverständlich: wenn ich an eine Elektroanlage gehe, muss ich auch meine persönliche Schutzausrüstung tragen, so einfach ist das doch!
    aber etwas anderes: ich habe gerade mitbekommen, dass im ZDF am 1.2. 18:00 ein Bericht über die Arbeit eines Lastenhelis ausgestrahlt wird.
    weiterhin gute Besserung!
    liebe Grüsse
    Hajo

Kommentar verfassen