Die Idee zu diesem Artikel kam mir durch einen Artikel bei „Arzt an Bord“:

Das hier sind Äußerungen, die ich sehr oft höre. Um ehrlich zu sein, nerven mich diese Äußerungen ziemlich, da an ihnen nicht viel Wahres dran ist. Vermutlich liegen diese verschiedenen Denkweisen Außenstehender einfach am mangelnden Kontakt mit chronisch Kranken. Vielleicht kann dieser Artikel und hoffentlich der Blog allgemein, einen kleinen Teil dazu beitragen, dass sich das ändert. 🙂

Spruch Nummer 1, übrigens höre ich den am häufigsten, Außenstehende/r zu meiner Mutter gewandt:

„Das arme Mädel kann sich ja garnicht um alterspezifische Dinge kümmern!“

-Nö, tu‘ ich auch nicht. Nicht nur, weil ich es teilweise nicht kann, sondern viel mehr, weil diese „Teenie-typischen“ Dinge einfach nicht im Spektrum meiner Interessen liegen. Da ich dieses Phänomen auch bei anderen schweren Chronikern erlebt habe, glaube ich, dass es an der teils langen Isolation von Gleichaltrigen liegt. Gerade in meinem Alter gibt es kaum Patienten auf den Stationen. Auf den Kinderstationen sind überwiegend Kleinkinder und von der Erwachsenenchirurgie brauch‘ ich wohl garnicht zu sprechen. 😀 (Wobei ich dort sehr nette Bekannschaften machte.)  Man lässt sich von den Gleichaltrigen nicht mit Interessen „anstecken“ und spielt keine Rolle, um sich in Jugendgrüppchen zu integrieren. Das festigt den Charakter und man orientiert sich wirklich nur an dem, was einem wirklich gefällt. Wie bei mir beispielsweise meine Hubschrauber. Ich sitze viel lieber allein oder mit einer Freundin, die das Interesse teilt, auf Flugplätzen herum, als durch Einkaufspassagen zu ziehen und nebenbei die aktuellsten Pop-Songs zu hören. Anstatt die Nacht bei Leuten oder in Diskotheken zu verbringen, bastel ich an Modellen oder lese. Und bin glücklich und zufrieden dabei!

Nummer 2, von einem Betroffenen:

„Ich kann mir nicht vorstellen, als Stomaträger mit meinem Freund zu schlafen. Mir wäre das unangenehm.“

Wie oberflächlich ist das denn? o.O Wenn sich zwei Menschen einander lieben, sind kleine äußerliche Abweichungen doch wohl völlig egal! Wen ein paar Narben oder ein Plastikbeutel an seinem Partner/seiner Partnerin stört, empfindet vermutlich keine wirkliche Liebe zu dem Menschen. Da nimmt man sich so, wie man ist. Egal, ob der Partner exessiv popelt, nicht Auto fahren kann, merkwürdige Essgewohnheiten oder einfach eine anatomische Besonderheit hat. Dementsprechend optimistisch blicke ich in die Zukunft.

Nummer 3, auch oft gehört:

„Das muss ja schlimm sein, immer im OP, im Krankenhaus und so…“

Joa, mein Terminkalender ist voll. Aber das fällt mir garnicht so auf, da es Routine ist. Es ist Routine, im KH zu sein (glücklicherweise habe ich ’nen Laptop, sonst wäre es langweilig) und es ist Routine für mich, im OP zu sein. Das inzwischen mindestens sieben-malige Pieksen für IV-Zugänge ist blöd und kostet den Pflegekräften und Ärzten viel Nerven und Zeit. Allerdings finde ich es sehr lustig, wenn dank meinen Venen „full-house“ im kleinen Einleitungsraum ist und 4-5 Pflegekräfte nach irgendeiner verbliebender Stelle zum Zustechen gucken.^^ Außerdem herrscht im OP meist eine gute Stimmung und ich mag das Team.  Im KH kann ich bei gutem Wetter runter zur Notaufnahme und Rettungswagen (Sprinter, yehaaw!) angucken. Natürlich muss man bedenken, dass es mir nicht immer gut geht, ist ja logisch. Und ich mag es aufgrund schlechter Erfahrungen auf der Kinderstation nicht, wenn es mir nicht gut geht, von anderen abhängig zu sein. Aber auf der Chirurgischen kann ich allerdings dem Team vertrauen, dass ich nicht lange Schmerzen oder sonstige unangenehme Dinge aushalten muss. Von daher: Das muss halt sein, ich finde die Aufenthalte weder gut, noch schlecht. Ich bin diesbezüglich neutral eingestellt, es ist so, als würdet ihr zur Arbeit gehen. Außerdem weiß ich, dass das dafür da ist, damit es mir besser geht, bzw. mein Zustand gleich bleibt.

Nummer 4,  oft im OP:

„Boaaah, hast du sch**ß Venen!“

Dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Korrekt! 😀

9 thoughts on “Was andere denken und wie es wirklich ist.

  1. Unknown Unknown Unknown Unknown

    Ich liebe einfach deine Art wie du mit der Hardcore Colitis umgehst in darüber schreibst. Das motiviert mich immer richtig, wenn ich Texte von dir lese, in denen ich mich wiederfinde.
    Ich kann dir einfach nur zustimmen, besonders hat mir der fett gedruckte Satz „und ich bin glücklich und zufrieden dabei“ gefallen!

  2. Unknown Unknown Unknown Unknown

    oh ja die „scheiss Venen“ das muß man anders sehen. Du lieferst einfach ein super Lernpotental. Dafür solltest du extrabehandlung bekommen 🙂

    1. Unknown Unknown Unknown Unknown

      .. bekommt man ja auch: wie „danach“ meine Arme aussehen .. 😉
      (Pilotin, Du siehst, Du bist nicht allein)
      P.S.: schön, dass Du Dich von den „schicken Kerlen“ wieder erholt hast 😀

  3. Unknown Unknown Unknown Unknown

    Dass heisst ja…wir werden gar nicht zusammen in die Disko gehen und uns um heisse Kerle prügelb?? 🙁

    Bin schwer enttäuscht 😀

  4. Unknown Unknown Unknown Unknown

    Ich bin davon nicht betroffen, finde es aber gut, dass du das Thema „nervige Aüßerungen von Außenstehenden die dazu meistens sooowas von unqualifiziert sind“ erwähnst, kenne sowas selber als 17-Jähriger im K-Schutz 😉

    Habe bei meinem Aufenthalt im KH auch gelernt, dass körperlich behinderte Menschen auch nur Menschen sind und sich in eigentlich fast nix unterscheiden (FAST nix 😀 ) Wenn andere das nicht einsehen oder das nicht gelernt haben, dann tut mir das für die echt leid 😉

    Anbei: Toller Blog 😉

  5. Unknown Unknown Unknown Unknown

    Oh ja, das letzte kann ich gut nachvollziehen:D Muss noch nicht mal ausgesprochen werden, manchmal sagen Blicke schon alles 😀

Kommentar verfassen